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SILVIA HAUPTMANN
Tischleindeckdich
Photographien
JÜRGEN B. WOLFF
Idyllen
Zeichnungen
5.06. – 4.07.09
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Das Projektarchiv wird noch überarbeitet und steht Ihnen demnächst wieder vollständig zur Verfügung!
Tischleindeckdich_Idyllen
SILVIA HAUPTMANN
Tischleindeckdich
Photographien
JÜRGEN B. WOLFF
Idyllen
Zeichnungen
Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie VORORTOST am 5.6.2009
Von Dr. Ina Gille
Da sich der Ausstellungsteil Jürgen B. Wolff Idyllen eben selbst eröffnet hat, durch das Duo Sonnenschirm, die seit Jahren kongeniale Verbindung Jürgen B. Wolffs mit Dieter Beckert, muss ich zu den böse lauernden, sich ins Groteske färbenden Blättern dieses Künstlers nichts mehr sagen, außer, dass sie es in sich haben, so wie sie die Große Welt schamlos mit der kleinen Idylle verbinden, das eine mit dem anderen auszuhebeln. Doch dieser Zeichner, der irgendwie zwischen allen Stühlen zu sitzen scheint - ist er nun Karikaturist, ist er freier Zeichner ist er zeichnender Gestalter für das jährlich in Rudolstadt stattfindende Folk-Fest... klar ist er alles in einem-, fühlt sich nicht nur Bleistiften und Farben zugetan. Sie haben die Musik gehört, die er mit Dieter Beckert vortrug und mit ihm erdacht hat, die damit verbundenen ebenso entstandenen Texte und gesehen, was er als Darsteller vermag. Und zu all dem schreibt er auch noch richtig seriös, quasi als einer meiner Kollegen für die Leipziger Blätter spannende, durch gründliche Recherche gestützte Texte zu Leipzig und all dem was sich damit kulturell verbindet. Und genau in diesen Leipziger Blättern taucht Silvia Hauptmann mit ihren Fotografien auf, wenn auch anderen als denen, die hier zu sehen sind. Ihre Fotos stehen dort eigenständig neben den Texten Jürgen B. Wolffs, wobei sich Text und Bilder gegenseitig verstärken wie ergänzen. Hier in dieser Ausstellung ist das anders, hier trennen sich die Wege beider, führen in je sehr eigene Bereiche. Und da Silvia Hauptmann nicht singend und musizierend ihre Fotografien umstellen kann, auch keine Texte schreibt, hier einige Gedanken zu ihrem Ausstellungsteil.
Seit ich Silvia Hauptmann kenne, es sind inzwischen über 15 Jahre, treibt es diese Frau um, erkundet sie neugierig Stadträume, sucht Gesichter und Haltungen von Menschen, drängt sich in Veranstaltungen, zeigt manchmal triumphierend ihren Presseausweis, Einlass zu erwirken, wo sonst keiner wäre. Intellektuell hellwach, verfolgt sie Diskussionen und kann auch mal wütend werden, wenns nicht so läuft. Die Kamera hat sie immer dabei. Hinter ihr wird sie ruhig und konzentriert. Ihre fotografischen Arbeiten spiegeln das wiedererwachende Jüdische Leben in Sachsen -über viele Jahre schon-, zeigen Motive, die ihr die Folk-Feste in Rudolstadt vor die Augen trieben oder die sie in der Leipziger Jazzszene erspürte. In ihrem Archiv finden sich viele Porträts, Köpfe aus allen sozialen Schichten, Hartz4-Empfänger mit ihren Kindern neben Leonhard Cohen und Laury Anderson. Gemeinsam bin ich mit ihr 2001 durch Sächsische Haftanstalten gewandert, habe beobachten können, wie sie fotografiert und mir sind vor allem ihre Aufnahmen der stacheldrahtbewehrten Mauern und Innenraumfluchten in Erinnerung, in denen Stille und Leere sich tauschen, Schroffes und Poetisches eine eigenwillige Verbindung eingehen. An all diesen Erfahrungen -es ist wie das Ausschreiten eines Raumes-, hat sie ihr Sehen geschult, ist in den letzten Jahren als Künstlerin gewachsen, hat Selbstbewusstsein hinzugewonnen, auch wenn sie immer mal wieder nicht weiß, was an Fotografie Kunst sein soll, wo es doch manchmal nur darauf ankommt, ob man einen Fotoapparat dabei hat oder nicht... Es geht ihr denke ich darum, Zeugenschaft abzulegen für das was sie sieht, was sie aufnimmt als Mensch. Wenn Roland Barthes 1979 von der Wahl der Fotografie schrieb, sich entweder dem zivilisierten Code der perfekten Trugbilder zu unterwerfen oder aber sich dem Erwachen der unbeugsamen Realität zu stellen, dann hat sich Silvia Hauptmann dieser unbeugsamen Realität verschrieben.
Anfang Oktober 2008 war die Fotografin mit ihrem Auto unterwegs in eine Haftanstalt, in der sie seit längerem dem Leben einer Frau nachspürt, die zur Mörderin geworden ist. Vor ihr auf der Landstraße ein Viehtransport. Durch die Holzlatten sah sie Schweineschwänze sich ringeln, Ohren sich aufstellen, die Schweinekörper dicht aneinander gedrängt. Diesem Transport fuhr sie hinterher, vergaß ihre Verabredung in der Haftanstalt. Sie hatte Glück, es ging nicht bis nach München, das Fahrzeug fuhr in eine nahe gelegene Stadt, dort hinter den Mauern einer Fleischwirtschaft zu verschwinden. Silvia Hauptmann notierte sich Name und Adresse, fuhr nach Leipzig zurück und telefonierte mit jenem Schlachthof, verlangte die Geschäftsleitung, sie wäre Künstlerin, Fotografin und wolle aus künstlerischer Ambition heraus ins Schlachthaus sehen. Sie sollte ein Exposé schicken. Sie schrieb eins und gliederte ohne nachzudenken ihr aufgekommenes Schlachthausbegehren in ihr laufendes Projekt „Ästhetik der Arbeit“! ein. Ihr wurde Einlass gewährt, in eine der mit den meisten Tabus belegten Zonen unserer modernen Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass ihr bewusst war, worauf sie sich da einließ. Aber das gehört auch zum Fotografieren, Wagnisse einzugehen. Da muss sie nicht mehr nach der Kunst fragen. Zwei Tage hat sie in diesem Schlachthaus fotografiert, beim dritten Mal inspizierte ein Chef höherer Ebene diese Stätte, entdeckte die Fotografin. Umstandslos und schroff wurde sie des Hauses verwiesen. Ich denke, sie hatte bereits alles im Kasten, der Verweis zu spät, vielleicht auch zur rechten Zeit. Sie sehen hier eine erste kleine Auswahl der in jenen Räumen entstandenen fotografischen Bilder. Als mir diese Aufnahmen über den Bildschirm liefen, war ich sofort fasziniert, ich hielt die Luft an. Konnte das sein, bei der Fülle an Fotos, die täglich meine Netzhaut passieren, wie nebenher, eher Unmut erzeugend, eine solche Wirkung? Woran lag das, woran liegt das, was ist das Besondere an diesen Aufnahmen. An ihnen ist nichts Denunziatorisches, weder werden die im Schlachthof Arbeitenden angezählt, noch sind es Aufnahmen, die direkt militanten Tierschützern in die Hände spielen, noch werden sie die Schar der Veganer anschwellen lassen. Ihr kam in diesem Haus etwas entgegen, auf das sie automatisch reagiert hat, sich verlassen konnte auf ihren Blick, ihr soziales Gespür. Folgerichtig sind diese Aufnahmen entstanden, ihrem bisherigen Werk folgend. Sie muss ganz bei sich gewesen sein, ohne Kalkül, ohne Absicht, jenseits jeden ästhetischen Spiels. Sie war ganz Sehen, körperhaftes Sehen: So ist es, genau so, nicht anders, sie bezeugt es. Industrielle Produktion, töten am Band, saubere Abläufe, einwandfreie Hygiene, es läuft wie von selbst, am Ende die hängenden Schweinehälften, Fleischberge, zu Abtransport und Weiterverarbeitung bereit. Wir wissen alle, dass es so ist und wir verdrängen es im gleichen Moment, wollen es nicht wissen. Das Erschrecken, die Faszination, auch die Abwehr, die diese Fotos auslösen mögen, hängen damit zusammen. Wir essen Fleisch, es schmeckt, wir tragen Lederschuhe, seifen uns ein, wir verwerten alles - und wir hassen Schlachthäuser, unheilbarer Widerspruch. Silvia Hautmann hat genau diese Unschärfe erfasst, mit nüchternem Blick, alte Schule, auch wenns digital ist. Der Ausschnitt muss im Sucher sich finden, dort muss sich das Bild zeigen, ehe sie auslöst. Kein Blitz am Werk, nichts wurde beschnitten oder verändert. Tiefenräume springen auf, Flächen verschließen sich, Licht glimmt, Dunkelheit deckt zu. Faszinierend, da bricht Poesie durch, auch so ein fataler Widerspruch, der mit diesen Aufnahmen über uns kommt.
Der 6. Januar 2009, als die Künstlerin ihre ersten Aufnahmen im Schlachthaus machte, war einer der kältesten Tage des vergangenen Winters. Die beim Abbrühen der Schweine aufsteigenden Dämpfe krochen des Temperaturgefälles wegen überall hin, ließen das einfallende Außenlicht auf besondere Weise spielen, ließen es diffus werden, andererseits abrupt Helligkeit aufleuchten. Das kam der Fotografin entgegen, sie sah es sofort, nutzte es. Einige dieser Fotos atmen es. Als würde sich sanft ein Schleier über das Schreckliche legen, es in poetische Stille zu wandeln. Diese Bilder sind wie Elegien, wie Totenfeiern. Das hängende, halb im Bild sichtbare Schwein mit dem wie erlösten Ausdruck, mit seiner Porzellanhaut, eines der für mich eindringlichsten Fotos, da ist Schönheit, Unantastbarkeit. Die Zeit scheint stillzustehen der Augenblick sich ins Endlose zu dehnen. Auch die eigenwillige Folterszene mit der ins leere greifenden Zange-, getaucht in Stille. Und der verlassene Produktionsraum, dessen unterer Teil in Schwärze versinkt, wie der Bluttrog mit der vor ihm verfließenden Lache, die alles sein kann, Wasser, Farbe, Chemie. Als sollte den Tieren Würde zurückgegeben werden, etwas, was ihnen nie zuteil wurde, auf einigen Aufatmen scheint es auf. Auf anderen Aufnahmen die nüchterne Kälte, das Funktionieren, die reine Produktion, die fast allein läuft, der Mensch Beiwerk, Schürze, Werkzeug, der Kopf nicht nötig. Nähe und Ferne tauschen einander, der Blick wird blockiert oder in die Tiefe geführt. Und gäbe es nicht den inneren Zusammenhang dieser Serie, das Foto mit der saugenden Perspektive, in der die aufgehangenen Schweinehälften aufzugehen scheinen, könnte für sich gesehen auch Werbung für mehr Fleischkonsum sein, so frisch, so akkurat ausgerichtet. Die Augen der noch lebenden Tiere, als gehörten sie nicht dazu. Da ist nackte Existenz, gleich wird sie ausgelöscht sein. Könnten das nicht unsere Augen sein? Wir gehören der einen Welt an. Wie gehen wir mit uns um, wenn wir es so mit Tieren tun. Dabei mag das Schlachthaus für diese Schweine eher ein erlösender Endpunkt sein, denken wir an das, was davor abläuft, die Massentierhaltung...
Es gibt noch eine andere Wirkungsebene dieser fotografischen Bilder. Gerade weil sie so absichtslos entstanden sind, sich die Fotografin so bedingungslos auf das zu Sehende eingelassen hat, lösen sie darüber hinausgehende Assoziationen aus. Zivilisatorische Abgründe öffnen sich: Das „saubere“ Töten von Menschen, ihre totale Verwertung bis hin zu Haaren und Zähnen, ja Knochen, von denen einige Seife wurden... Die Lampenschirme der Ilse Koch lassen sich nicht verdrängen, produziert aus den zuvor zu Liebhabern erwählten Männern mit besonderen Tätowierungen... Der Streit der Historiker kommt mir in den Sinn, ob die moderne Industriegesellschaft Voraussetzung für die massenhafte Vernichtung der Juden in Gasöfen war oder diese Vernichtung ein Nachläufer der vorindustriellen, archaischen Zeit... Aber da gab es nichts Archaisches, die moderne Industriegesellschaft war eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Vernichtung der Juden in den Gasöfen. Auswählen, Töten, Verwerten, schnell und effizient. Ich kann solche Assoziationen nicht zurückhalten, wenn ich auf die Schlachtausbilder Silvia Hauptmanns sehe, als wären sie mit Geschichte grundiert. Man muss sie nicht so sehen, die Ebene des Sichtbaren bietet genug, genug an Schrecken und Ambivalenz, an Dichte und Elegie, an ins Foto transponierter Wirklichkeit.
Ina Gille