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LÄNDERWECHSEL

Zeitgenössische Kunst
im Ausstellungsaustausch
in Merseburg

Domgalerie
Kunststiftung ben zi bena
Schlossgartensalon

11.05. - 20.06. 2010

Länderwechsel

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Susanne Werdin

Festrede zur Eröffnung der Ausstellung „Länderwechsel“ in Merseburg am 11. Mai 2010

„Wir sind aufrichtige Langschläfer und haben ein Faible für Sonne.“

Liebe Sachsen-Anhaltinerinnen und Sachsen-Anhaltiner,
kann das gut gehen: Gäste aus dem gemütlichen Sachsen im Land der Frühaufsteher?

Ich habe einen Künstler aus Sachsen zitiert. Und Sie? Sie zitieren gleich 59 Künstlerinnen und Künstler aus dem Nachbarbundesland hierher in die Domstadt Merseburg. Natürlich: Sie zitieren uns nicht hierher, sondern Sie haben uns eingeladen. Und wir sind froh, dass wir so spät kommen dürfen. Aber ich glaube, wir wären sogar früh gekommen, um diese großartige Einladung annehmen zu können.
Der Richtigkeit halber muss ich natürlich hinzufügen, dass es auch unter uns Sachsen einige Frühaufsteherinnen und Frühaufsteher gibt – von den hier versammelten Künstlern sind es vielleicht sogar 58. Und ich wette mit Ihnen, dass es unter den Sachsen-Anhaltinern auch einige Spätaufsteher gibt – und natürlich auch unter den Sachsen-Anhaltinerinnen einige Spätaufsteherinnen. (Ich werde die Frauen und Männer jetzt nicht jedesmal extra nennen, sondern sie der Einfachheit halber in der männlichen Bezeichnung zusammenfassen.)

Wie dem auch sei: Nichts lässt sich pauschalisieren. Nicht einmal das Künstlertum und schon gar nicht Kunst. Jede ist anders – das ist ihre Gemeinsamkeit: ihre Andersartigkeit. Und davon möchte ich sprechen: von dem, was allem, was hier zu sehen ist, gemein ist und was doch jedes anders macht. Ich werde also pauschalisieren, was nicht zu pauschalisieren ist: nämlich das, was uns bewegt, doch jeden in eine andere Richtung. Und das werde ich tun nicht als Kunstwissenschaftlerin, die ich nicht bin und auch nicht als Beteiligte dieser Ausstellung, (die ich bin), sondern als Eine unter Anderen.

Lassen Sie mich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Aus dem Tuschkästchen, in das verschiedenste Pinsel hineinlangen – übrigens nicht nur feine Pinsel, sondern auch Besen, alte Krücken und sogar Stifte - um sich das zu holen, was sie brauchen: Farbe. Zum Bekennen. Denn darum geht es! Es geht um ein Bekenntnis zu dem, was man hat. (Und vielleicht auch: kann.) Zu dem, was man in den Händen hält und was man mit seinen Händen anstellt, das heißt, wie und worum man handelt. Das heißt, einerseits zu dem, was einem – nämlich in die Hand - gegeben ist und andererseits zu dem, was man sich – wie auch immer - erarbeitet hat. Ein Bekenntnis zu dem, was man in den Händen hält und: von dem man gehalten wird. Und für den, der sich über das, was er hat und von dem er gehalten wird, identifiziert - der also das ist, was er hat und was ihn hält – ist das Bekenntnis ein Bekenntnis zur eigenen Person und seiner Zugehörigkeit.

Ein Bekenntnis braucht ein Gegenüber, einen Anderen, dem gegenüber es bekannt und von dem es gehört wird. Um – und das ist die Funktion eines Bekenntnisses – sich in Beziehung zu setzen: in Beziehung einerseits zu dem, dem gegenüber man sich bekennt und andererseits zu dem, zu dem man sich bekennt. Und über diese beiden wieder zu sich selbst. Es ist ein Wechselspiel, und wer sich darauf einlässt, springt gewissermaßen im Dreieck. Wer sich bekennt, liefert sich aus. Er macht sich angreifbar. Ist es einmal ausgesprochen, das Bekenntnis - ausgesprochen, niedergeschrieben, hingerotzt, abgerungen, angeklungen, aufgezeichnet - gibt es kein Zurück. Es gibt nur ein Hin auf dem Weg des Bekenntnisses, des Sich-in-Beziehung-Setzens, auf dem Weg also zwischen Sich-Abgrenzen und Miteinander-Übereinstimmen.

Und dieser Weg verläuft in vertikaler und in horizontaler Richtung. Vertikal: zwischen der eigenen Herkunft und der Vision. Der Herkunft: also dem Vaterland und Mutterboden, das heißt, der Kultur, in die hinein man – unter einer bestimmten Sternenkonstellation - geboren ist, dem Elternhaus und der Situation, von der man geprägt ist und all den bislang gespeicherten Erfahrungen einschließlich natürlich der Art der Bildung, die auch ihre Spuren hinterlassen hat. Und Vision: Vielleicht haben einige eine Erscheinung, die ihr Ziel oder ihren Lebenssinn oder –zweck mehr oder weniger deutlich umreißt. Einen Glauben. Oder ein Wissen dessen, was sein wird, aber noch nicht sichtbar ist. Zumindest aber werden einige eine Vorstellung haben, eine Vorstellung von dem, was sie wollen oder wünschen. Und diese Vorstellung stellt für sie möglicherweise ein Geländer dar auf dem Weg der Realisierung solch einen Wunsches oder solch einen Willens. Ich aber meine in diesem Fall schon das, was als Triebkraft spürbar wird. Was mich zum Beispiel morgens aus dem Bett treibt. Oder mittags. Oder nachts. Und was mich möglicherweise davon abhält, abends (oder wann auch immer) ins Bett zurückzukehren und – sollte ich es doch irgendwann geschafft haben – davon, einzuschlafen. Das ist zwar keine Vision im eigentlichen Sinne, aber etwas, was durch eine vielleicht ganz unbewusste Vision ausgelöst wird. Ich meine also das, was mich wach hält, was mich neugierig macht, was einfach zu hell ist, um es mir damit – und das nicht einmal in Sachsen - gemütlich machen zu können. Was mich zum Tun, zum Handeln, das heißt: zum Hand-Anlegen treibt, und zwar vor jeder Frage nach dem Sinn solchen Handelns. Und horizontal verläuft der Weg des Sich-in-Beziehung-Setzens zwischen der eigenen Person und dem, was die eigene Person umgibt, dem Raum also, den sie selbst zum Atmen und zum Sich-bewegen braucht, und zwar genauso wie die anderen, die denselben Raum für ihre Atmung und für ihre Bewegungen brauchen. Hier finden die Auseinandersetzungen, Einsichten und Verbindungen statt, und zwar auf der Grundlage von Bekenntnissen.

So also verläuft dieser Weg, der Weg des Bekenntnisses, für die einige unter uns Farbe brauchen und darüber zu Künstlern geworden sind. Sie brauchen Farbe und Vertikale, Dreiecke, auch Tangenten, einen bestimmten Horizont u. v. a. m., aber zuallererst brauchen sie - wie alle andern - jene Triebkraft, um sich auf diesem Weg auch vorwärts bewegen zu können. Und für diese Triebkraft brauchen sie zum einen einen Ruhepol, einen Ankerpunkt, von dem diese Triebkraft ausgehen kann, und zum anderen eine Richtung, in die sie geleitet wird, und zwar die zum Tuschkästchen. Oder zum Werkzeugkästchen. Oder zum Fototäschchen. Oder zum Flachbildschirmchen. Und das wie gesagt vor jeder Frage nach dem Sinn dieser Bewegung.

Sie brauchen einen Funken. Ein zündendes Element. Eine Aktivierungsenergie. Denn erst eine Aktivierungsenergie kann Gebundenes freisetzen und damit eine Ladung – eine Botschaft meinetwegen, eine Aussage, eine Emotion, eben ein Bekenntnis – transportieren. Dieser Funken zündet quasi ein Gemisch aus Kraftstoff und Umgebungsluft – aus Kraftstoff, das heißt, nicht nur aus Öl, Pigmenten, Bindemittel, Eisen3chlorid oder Salpetersäure, Bronze womöglich oder Kautschuk oder Holz oder Terrakotta oder Papier zum Beispiel, sondern auch aus Bedürfnissen und Vorstellungen, um nicht noch einmal zu sagen: aus Visionen und: Umgebungsluft, das heißt, aus dem Dunstkreis, den Traditionen also und der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation, die dort herrscht, wo es funken soll – wohin, sozusagen, der Musenkuss gesetzt werden soll – dieses Gemisch also zündet ein Funken und wandelt es in mechanische Energie um. In Bewegung also. In Handlungen. In Gesten.
In die Geste des Zeichnens zum Beispiel wie bei Thomas Henniges, Caroline Kober, Milena Popova, Christiane Werner und Constanze Zorn.
Oder in die Geste des Schneidens wie bei Harald Alff und Ute Haring
oder des Ätzens wie bei Karin Pietschmann, Ingo Duderstedt und Gunter Böttger
oder in die Geste des Nähens wie bei Maria Köhler und Simone Zeidler
oder in die des Gießens wie bei Olaf Teichmann, Hartmut Klopsch und Tobias Rost,
des Schlagens wie bei Jürgen Raiber,
des Sägens und Leimens wie bei Dirk Richter
oder des Klebens wie bei Gil Schlesinger,
in die Geste des Montierens wie bei Philip Fritzsche, Franziska Möbius und Mario Schott
oder in die des Ordnens wie bei Prof. Irmgard Horlbeck-Kappler, Irene Kiele und Paul Zimmermann,
in die des Freilegens wie bei Günther Huniat
oder in die des Formens wie bei Heinke Binder, Marianne Eggimann und Elisabeth Howey
oder in die des Aquarellierens wie bei Renate Herfurt, Hans-Peter Hund, Gerald Müller-Simon und Gerhard Wichler
oder in die Geste des Farbesetzens wie bei Karl Anton, Simone Böhm, Roland Borchers, Alexander Boyko, Johannes Burkhardt, René Dünki, Ingolf Schelhorn, Karl-Heinz Schmidt, Ivan Kavtea, Marita Schulz und Jürgen Strege
oder in die Geste des Mischens wie bei Madeleine Heublein, Siegfried Höfer und Daniela Hussel
oder in die des Mausklickens und Scrollens wie bei Hans Bagehorn und HLX
oder in die des Linienziehens wie bei Wolfgang Henne, Lutz Hirschmann, Prof. Gunter Horlbeck und Jakow Kerzhner,
in die des Steineschleifens wie bei Vicky Ritter
oder in die Geste des Auslösens wie bei Sabine Prietzel und Karin Wieckhorst,
in die des Modellierens wie bei Dietrich Gnüchtel und Ute Hartwig-Schulz
oder in die des „Intervenierens“ wie bei Sandro Porcu.

(Hier eine kleine Anmerkung: Was Ihnen von Sandro Porcu vorgestellt wird, ist nur eine Projektbeschreibung. Die Ausführung dieses „Trikick“ genannten trilateralen Länderspiels können Sie am 19. Juni in Kirschau bei Bautzen sehen.)

All diese Gesten bilden nach der Verbrennung jenes Kraftstoff-Luft-Gemischs den letzten der Vorgänge - nämlich den des Ausstoßens -, mit deren ständiger Wiederholung ein Verbrennungsmotor gewissermaßen die Karre in Fahrt bringt: Ansaugen, Verdichten, Verbrennen und Ausstoßen. So entstehen Bilder. Und Objekte, Fotografien, Zeichnungen, Druckgrafik und Installationen, die – so still sie auch an der Wand hängen oder auf der Wiese stehen mögen - unterwegs sind zu ihren Betrachtern. Zu denen, die sich von ihnen, die nur lautlos sprechen, ansprechen lassen.

Nun will ich nicht anfangen, von den Fehlstarts zu sprechen, von den leeren Tanks und Kanistern, dem fehlenden Reifendruck, der schwach gewordenen Batterie und der Bange vor dem nächsten TÜV. Auch nicht von den Umwegen und Verzögerungen auf der Fahrt in die Berge, unterwegs also zu einem hochgesteckten Ziel. Und auch nicht von den vorgeschriebenen Geschwindigkeiten und ihrer Einhaltung, dem manchmal gebotenen Schritttempo also, das einen rasend machen kann und auch nicht von den Wartezeiten und von den Staus, von all dem also, was ein Bild (oder ein Objekt) schließlich kostet.

Aber ich will kurz vor dem Erreichen des Endes dieser Rede noch von dem Erreichen sprechen, weil das Erreichte oft untergeht unter neu gesetzten Zielen.
Erreicht hat ein mit Farbe und Formen sich Bekennender zum Beispiel etwas, wenn er es geschafft hat, nach einem langjährigen Hochschulstudium, in dem nicht nur jeder Bleistiftstrich, sondern seine rechte und linke Außenkante und nicht nur ein bestimmter Pinselzug, sondern der Verlauf seiner Farbfüllung vom Ansatz bis zum Auslaufen, seine Bewegung und Energie, die Nuance seiner Farbigkeit und seine Wirkung im Gesamtgeschehen des Bildes bewertet, mit Bedeutung aufgeladen und das wiederum geschichtlich und psychologisch untermauert wird - wenn er es nach einer solchen Ausbildung geschafft hat, seinen Motor wieder mit kindlicher Unbefangenheit anzulassen. Denn dann hat er schon den halben Weg zurückgelegt, ohne auch nur erst einen Millimeter gefahren zu sein.
Und auch erreicht er etwas, wenn er Vorbilder gefunden, wenn er sie nachgeahmt und wenn er sie schließlich losgelassen hat.
Und nicht zu unterschätzen ist es auch, wenn er die nächste Tankstelle erreicht hat, bevor sein Kraftstoff verbraucht ist.
Und natürlich hat er, meine ich, die Hauptsache erreicht, wenn er jemanden erreicht hat. Einen Anderen. Ein Gegenüber. Jemanden aus einem anderen Land. Zum Beispiel aus Sachsen-Anhalt. Wenn also jemand, Sie zum Beispiel, sich in einer der Form gewordenen Gesten wiederentdeckt. Oder wenn ein bestimmter Farbklang Sie anrührt. Oder wenn eine Idee und ihre Gestaltung Sie erheitern. Oder wenn eine bestimmte Konstellation von Formen Sie nachdenklich stimmt. Oder wenn Sie sich in einer bestimmten Aussage, in einem wie auch immer verhüllten oder offen gelegten Bekenntnis wiederentdecken. Wenn Sie plötzlich das Gefühl haben, sich in dem, was Ihren Blick auf sich zieht, zu spiegeln. Dann ist ein Ziel erreicht. Dann hat sich die Fahrt gelohnt.

Damit ist schließlich auch das Ende meiner Rede erreicht: damit, dass Sie sich nun endlich dem zuwenden, was noch unterwegs ist zu Ihnen, indem es in der Orangerie, in der Galerie ben zi bena und im Tiefen Keller hängt oder steht. Gehen Sie, und zwar nun endlich ins Detail! Mit der Pauschalisierung ist nun Schluss!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Susanne Werdin

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